"How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard."
Dieses Zitat stammt aus einem Kinderbuch, nämlich Winnie the Pooh. Irgendwie sind Kinderbücher doch immer die ehrlichsten. Mir stellt sich eine Frage:
Wann haben wir aufgehört, so ehrlich zu sein? Und zwar nicht unbedingt mit anderen, sondern mit uns selbst, wobei das eng miteinander zusammenhängt.
Strenge Eltern erziehen ihre Kinder zu guten Lügnern, so ein Artikel, der mir vor einiger Zeit aufgefallen ist. (hier klicken)
Negative Konsequenzen führen zu Vermeidungsverhalten, das ist eine der Grundregeln der Verhaltenspsychologie. Wenn ein Kind also für ein bestimmtes Verhalten Ärger bekommt, das ihm selbst aber Spaß macht, ist die logische Konsequenz für das Kind, dafür zu sorgen, dass die Eltern beim nächsten Mal nicht mitbekommen, wenn es etwas Verbotenes tut.
So beginnen Kinder schon früh damit, unehrlich zu sein. Gerade wenn Ehrlichkeit keine positiven Folgen hat (das Kind beichtet ein Fehlverhalten, bekommt aber trotzdem Ärger), wird dieses Verhalten noch weiter gefördert.
Und wenn es nicht schon reicht, dass wir von Kindesbeinen an unehrlich zu anderen sind, sind wir es auch noch zu uns selbst, aus genau den selben Gründen.
Wenn wir klein sind, beschweren wir uns über alles, was uns nicht passt. Man hat Hunger, man schreit, man wird gefüttert. Zu diesem Zeitpunkt ist alles noch sehr einfach. Sobald man älter wird, wird man dazu angehalten, diese Emotionen im Zaum zu halten, es macht sich einfach nicht gut, beim Gedanken an ein Sandwich in Tränen auszubrechen. Das ist ja prinzipiell auch richtig so, aber irgendwo auf dem Weg zum erwachsen sein haben wir die Fähigkeit verloren, auch mal unzufrieden zu sein, weil es sich nicht gehört. Große Kinder weinen nicht, Indianer kennen keinen Schmerz, wer kennt diese Sprüche nicht? Wenn es einem mal schlecht geht, versuchen wir es zu ignorieren, das Leben geht weiter, man hat möglichst unkompliziert und glücklich zu sein, wer ist schon gerne unzufrieden?
Angst und Traurigkeit sind zwei Basisemotionen, die wir, so gut es geht, aus unserem Leben verbannen. Man kauft Bücher übers Glücklich sein, man geht Bungee-Jumpen, hangelt sich von einem Adrenalin-Kick zur nächsten Belohnung (Essen, Shoppen, was auch immer) und fordert seine Serotonin- und Dopamin-Neurone auf, immer neue Höchstleistungen zu vollbringen.
Glücklich sein macht süchtig, wirklich wahr (Siehe dazu: z.B. "Runners High"). Und wenn wir dann mal im kalten Entzug landen, in einer Situation, in der wir den Boden unter den Füßen verlieren...? Früher hätten wir uns hingesetzt und geweint, und mit relativ großer Aussicht auf Erfolg hätte sich jemand um uns gekümmert und das Aua weggepustet.
Doch durch das erlernte Vermeidungsverhalten, das uns beibringt, "wenn wir so tun, als gäbe es kein Problem, gibt es keine negativen Konsequenzen", ignorieren wir unsere Probleme und tun so, als gäbe es sie nicht. Irgendwie sind wir nicht weit über das Versteckspielen im Kleinkindalter, bei dem man verschwindet, wenn man sich die Hände vor die Augen hält, hinausgekommen...
Ihr Lieben, Angst und Trauer haben uns in der Urzeit unser Überleben gesichtert. Wir sollten sie ernst nehmen, und ihnen einen gleichberechtigten Platz neben den anderen Basisemotionen einräumen. Man weiß die schönen Dinge erst zu schätzen, wenn man auch die negativen Seiten des Lebens kennengelernt hat. Emotionen leben von den Ausschlägen nach ganz oben und ganz unten, und sie haben einen Sinn. Sie sind evolutionär in uns verankert. So oft wird uns geraten, man solle im Moment leben, aber eben nicht nur im schönen Moment, sondern auch die Zeiten ganz unten in den Abgründen unserer Emotionen gehören dazu.
Könnte ich wählen, ich würde nicht den Rest meines Lebens nur glücklich sein wollen.
Und um auf das eingangs erwähnte Zitat zurück zu kommen, oftmals merken wir erst, wo unsere Prioritäten liegen, wenn uns die Gefahr droht, sie zu verlieren. Wo wir dann wieder bei den Basisemotionen wären, der (Verlust-)Angst. Freude, Glück und Liebe sind so eng mit Angst und Trauer verbunden wie Licht und Schatten, das eine wird nie ohne das andere existieren können und das ist doch eigentlich etwas herzzerreißend schönes. Bittersüß, wie das Leben eben so ist.
Ein kleiner Nachtrag für alle, denen langweilig ist:
Eine Geschichte, die zeigt, dass es nichts bringt, nur die schönen Seiten des Lebens wahrzunehmen ist übrigens folgende: (hier klicken)
Mich hat sie, seitdem ich sie das erste Mal vor fast zehn Jahren gehört habe, nicht mehr losgelassen. Mehr Selbstreflektion, Zufriedenheit und Altruismus als bei Buddha geht kaum, und das alles, diese Jahrhunderte überdauernden Erkenntnisse, gründen darauf, dass das Leben ohne Leid nicht funktioniert.
