Die menschliche Psyche ist für mich das Faszinierendste auf diesem Planeten voller unzähligen, kleinen, alltäglichen Wunder.
Es gibt ein Zitat aus dem Buch Sophies Welt von Jostein Gaarder:
"Wenn das Gehirn des Menschen so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so dumm, dass wir es trotzdem nicht verstehen könnten."
Seit ich denken kann, hat es mich gereizt, zu wissen, was in den Köpfen meiner Mitmenschen vor sich geht.
Bei Einigen war dieses Bedürfnis deutlich stärker ausgeprägt, als bei anderen und ich habe lange versucht zu verstehen, warum dies so ist.
Ich dachte zunächst, ich würde Leuten ansehen, dass sie krank sind und oft hatte ich damit recht. Doch das war es nicht.
Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Situation von vor etwas über einem Jahr. Ich war morgens auf dem Weg zu einer Vorlesung, als mir jemand an einer Ampel gegenüberstand, der damals keine Rolle in meinem Leben spielte und mir nur flüchtig bekannt vorkam. Ich war eigentlich ins Gespräch mit meiner Freundin vertieft, als sich unsere Blicke trafen. Als ich gerade versuchte, das Gesicht einzuordnen, fiel es mir wieder auf. Dieser spezielle Blick, oder vielmehr etwas dahinter, was mich den ganzen Vormittag nicht aufhören ließ, an diese eigentlich unbedeutsame Begegnung zu denken.
Und heute, gefühlt ein halbes Leben später, weiß ich endlich, was es war, was in diesem Blick lag und was schon in so vielen Blicken (allerdings niemals in dieser Intensität) vorher lag, was mich nicht loslässt.
Es ist das wahre Ich dieser Personen, was in ihren Augen liegt.
Ich bin der festen Überzeugung, dass man als eine bestimmte Person geboren wird. Natürlich übt unsere Umwelt einen maximalen Einfluss auf uns aus und bestimmt so, wie sich unsere Persönlichkeit entwickelt, doch das wahre Ich, die Seele, oder die Genetik und Epigenetik, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man diese Diskussion betrachten möchte, bildet immer die Basis.
Der Mensch überlebt durch Anpassung. Die kognitive Fähigkeit zur Adaptation hat uns schon seit jeher diesen unvergleichlichen Evolutionsvorteil gegeben, der es uns ermöglicht hat, Feuer zu entdecken, Häuser zu bauen, gefährliche Wölfe zu Chihuahuas zu züchten und ein Gerät zu erfinden, mit dem man gleichzeitig komplizierte Rechenaufgaben lösen und Videos von Papageien mit kleinen Hüten anschauen kann.
Ab dem Zeitpunkt der Geburt lernen wir, welche Verhaltensweisen uns einen möglichst großen Vorteil erbringen. Meist passiert dies über positive Verstärkung, das heißt, Verhaltensweisen, die positive Konsequenzen hatten, werden wiederholt.
Ab und zu wird allerdings auch ein Lerneffekt über Vermeidungsstrategien erzielt: negative Konsequenzen führen dazu, dass ein gewisses Verhalten vermieden wird.
Über diesen Prozess des Lernens, finden wir heraus, wie wir möglichst problemlos durch den Alltag kommen.
Bei manchen von uns hat der Weg des Lebens dazu geführt, Teile unserer Grundpersönlichkeit zu verstecken, da wir durch sie negative Konsequenzen erfahren haben.
Ein einfaches Beispiel: jeder Mensch hat ein natürliches Grundbedürfnis nach Bindung und Nähe, da es uns in den ersten Lebensjahren das Überleben sichtert, weil wir auf Andere angewiesen sind, die sich um uns kümmern. Wird dieses Grundbedürfnis enttäuscht, erlernen wir, uns zu distanzieren. Dieses erlernte Verhalten hilft zwar, uns vor erneuter Enttäuschung zu beschützen, überdeckt allerdings nicht vollständig das trotzdem noch vorhandene Bedürfnis, von dem dieses erlernte Verhalten abstammt.
Daher war meine ursprüngliche Annahme, dass das, was ich in dem Blick mancher Leute gesehen habe, ein Zeichen von Krankheit war, gar nicht so weit hergeholt. Denn irgendwann macht die Diskrepanz zwischen erlernter Anpassung und den tatsächlichen Bedürfnissen krank, wenn sie zu groß wird. Oft ist das erlernte Verhalten so tief verankert, dass man gar nicht mehr versteht, was die eigentlichen Bedürfnisse sind. Die Grundpersönlichkeit ist so weit in den Hintergrund gerückt, dass man die Verbindung zu ihr verloren hat. Die Folge sind Gefühlschaos, ein Unverständnis von sich selbst und ein unbestimmtes Gefühl, dass etwas nicht stimmt, obwohl augenscheinlich alles in Ordnung (oder sagen wir besser "wie immer") ist.
(Das ist übrigens nichts was ich mir ausgedacht habe, sondern integraler Bestandteil der tiefenpsychologischen Psychoanalyse und ähnlichen wissenschaftlich anerkannten psychologischen Ansätzen)
Kehren wir noch einmal zurück zu dem grauen Montagmorgen im Januar 2018.
Etwa 100 Meter nachdem wir uns über den Weg gelaufen waren, fiel mir ein, woher mir das Gesicht bekannt vorkam und während ich die folgenden Vorlesungsstunden wiederholt über diese 20 Sekunden nachdachte, wurde mir klar, was mich aufmerksam hatte werden lassen.
Das was ich in den Augen dieser Person sah, passte nicht zu dem, was ich bisher über sie wusste. Ich kannte ein paar Fotos auf einem Profil einer Social Media Seite und ein paar witzige, provokante Kommentare in einer Facebook-Gruppe, die ein völlig anderes Bild ergaben, als das was ich seit diesen 20 Sekunden in Ultrazeitlupe wieder und wieder in meinem Kopf abspielte.
Nach einer durch einen Zufall (jeder, der mich kennt weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube) entstandenen schriftlichen Konversation lichtete sich die Verwirrung nicht wirklich, so dass eine Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht her musste.
Nach den ersten paar Minuten dieses Gesprächs hätte ich schwören können, ich hätte mich an der Ampel geirrt. Doch in einem unbemerkten Moment war er wieder da, der Blick, der die Sicht auf das freigab, was hinter dem optimal angepassten, begehrenswerten, über Jahre auf Erfolg geprüften System liegt.
Ich konnte es damals nicht genau benennen, aber es war das, was mich so sehr faszinierte an diesem Menschen. Weil der verborgene Teil um ein vielfaches interessanter, liebenswerter und ehrlicher ist, als das, was zum Schutz darüber liegt und das war mir rückblickend auch schon nach besagten 20 Sekunden an der Ampel klar.
Man sieht Menschen an, wer sie wirklich sind. Manche mussten lernen es besser zu verstecken als andere, aber es ist immer da.
Wir sind immer dann am glücklichsten, wenn wir wir selbst sein können. Dazu gehört auch, Abschied von der Wunschvorstellung zu nehmen, wie wir gerne wären, oder besser gesagt, wie wir glauben, dass uns andere gern hätten. Denn wir können natürlich an uns arbeiten und positive Aspekte unserer Grundpersönlichkeit verstärken, aber wir werden sie niemals ändern.
Das was du erlebt hast, hat dich stark gemacht, um dich dorthin zu bringen, wo du jetzt bist. Aber du bist immer noch du selbst, der selbe Mensch, der du seit deiner Geburt bist. Egal wie tief dieser Teil unter den erlernten Anpassungsverhaltensweisen vergraben ist, es ist der Teil der dich wertvoll und einzigartig macht. Der Teil, der an die Oberfläche will, wenn niemand zusieht. Es ist Zeit, dass du anfängst, ehrlich mit dir zu sein und darauf stolz zu sein.
Wer bist du, wenn du niemand sein musst?
Und zu dir, liebe alles andere als unbedeutende Person von der Ampel, ich weiß wer du wirklich bist. Und ich liebe dich dafür, auch wenn du es noch nicht tust.
→ https://www.youtube.com/watch?v=CQoObtJ4K8s