"Er ist tot!" , schrie er und ließ die pinkfarbene Krawatte sinken, die er sich gerade umbinden wollte und trat an das Glas . "Hans-Herbert!! Warum hast du das getan??" Hans-Herbert schwamm im Strom des Filters seine Runden. Nur die Tatsache, dass er auf dem Rücken schwamm, verriet ihn. Karl Kunze fühlte sich, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Er spürte seine Beine nicht mehr und seine Hände begannen zu zittern. Vor seinen Augen tanzten schwarze und gelbe Punkte. Mechanisch griff er zum Telefon und rief seinen Chef an.
"Hallo Chef. Ich kann heute nicht kommen. Ein tragischer Todesfall. Hans –Herbert..."
- "Mein Beileid. Ist gut Herr Kunze. Bis morgen", sagte die Stimme am anderen Ende des Telefons monoton. Doch Herr Kunze hörte schon gar nicht mehr zu. Das Telefon war ihm aus der Hand gefallen.
Er steckte einen Finger ins Wasser, in der Hoffnung, sein geliebter Hans-Herbert würde wieder lebendig. Aber Hans-Herbert trieb weiter auf dem Rücken mit geöffneten Augen in der Filterströmung. Karl zog sich einen Stuhl an das Aquarium und setzte sich.
"Hans-Herbert! Sprich mit mir! Sag, dass das nicht wahr ist!" sagte er in vorwurfsvollem Ton. Seufzend legte er den Kopf auf die Tischplatte.
Hans-Herbert sprach nicht. Er starrte mit seinen glubschigen, ausdruckslosen Augen starr geradeaus. In seinem Blick lag etwas Gelangweiltes. Das war kein spezieller Ausdruck, sein Blick war schon immer so gewesen. Verzweifelt schnappte sich Herr Kunze die leblose Schwanzflosse des Fisches und hob ihn kopfüber aus dem Wasser. Er hatte seinen 'intelligenten' Blick geliebt, genauso wie die Art wie er morgens sein Futter gegessen hatte. Und mittags . Und abends. Und zwischendurch. Hans-Herbert war ein außergewöhnlich großer und fetter Goldfisch. Karl hatte ihn immer nur liebevoll sein „kleines Dickerchen“ genannt. Lethargisch trottete Karl Kunze ins Bad. Seine Augen waren gerötet, ein leidender Ausdruck überzog sein Gesicht. Der Abschied war ihm schon immer schwer gefallen, er vermisste ihn jetzt schon. Schniefend strich er ein letztes Mal über den schuppigen Fischkörper. Dann ließ er ihn ins Klo fallen und spülte. „Hans-Herbert! Leb wohl mein Kleiner!!!!!!“ schrie er ins Klo. Dann ging er, angezogen und mit Schuhen, ins Bett.
Albträume von toten Lieblingsgoldfischen verfolgten ihn, bis er um 17 Uhr wieder aufwachte. Mit leidverzerrtem Gesicht ging er nach draußen. Es kümmerte ihn nicht, dass es nur knapp über Null grad war und dass ein eisiger Regen die Gullideckel der Straßen maßlos überforderte. Die Jacke hatte er zuhause gelassen, auf einen Schirm verzichtet und war bereits nach wenigen Metern ungefähr genauso nass wie sein einziger Begleiter,sein Haustier, dass nun seine letzte Ruhestätte in der Kanalisation gefunden hatte.
Hans-Herbert hatte gelitten, da war er sich sicher. Und wenn sein geliebter Goldfisch gelitten hatte, wollte er auch leiden. Er bog in die Seitenstraße ein, in den Weg zum Tiergeschäft.
Zielstrebig lief er durch den Laden. Als er an die Verkaufsaquarien trat, betrachtete er die durcheinander schwimmenden Fische. Stumm und darum bemüht, nicht in Tränen auszubrechen, zeigte er auf einen Fisch, bezahlte wortlos und ging. An der Haustür angelangt, hatte er Hans-Herbert bereits vergessen und starrte verzückt auf den triefäugigen Goldfisch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Hans-Herbert und den letzten elf Goldfischen aufwies.
Voller Vorfreude trat er an das Aquarium und öffnete feierlich die Plastiktüte. Andächtig sah er, wie der Goldfisch seine neue Umgebung erkundete.

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