Sonntag, 9. Oktober 2011

Von der Natur des Menschen und ihrer Eigenarten

In einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt marschiert der Bürgermeister des Ortes (CDU) mit dem NPD-Vorsitzenden Arm in Arm durch die Gemeinde, mit ihnen ein großer Teil der Bürger. Was verursacht dieses an Ironie wohl nicht zu überbietende Schauspiel? Zwei Männer sind in den Ort gezogen, und Bürgermeister, sowie NPD-Vorsitzender und ein Großteil der Bevölkerung ist dagegen, sie protestieren wöchentlich vor dem Haus der beiden. Einer der beiden Männer ist schwer krebskrank, lange wird er nicht mehr leben. Und sie sind beide entlassene Häftlinge, der Vergewaltigung verurteilt, die Strafe verbüßt, negative Zukunftsprognose, Sicherungsverwahrung durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes ausgeschlossen. Ein Tierarzt, den sie während der Haftstrafe kennenlernten bot ihnen sein Haus in besagtem Ort in Sachsen-Anhalt an, damit sie eine Bleibe haben, sobald sie aus dem Gefängnis entlassen sind. Und nun sind mehrere dutzend Menschen damit beschäftigt, den beiden das Leben zur Hölle zu machen. Sie würden wegziehen, sagen die beiden, doch ihnen fehle das Geld.
Der Bürgermeister fordert den Wegzug.
Dieses äußerst komplexe Problem steht noch lange nicht vor einer Lösung.
Ich kann mich nicht zu einer eindeutigen Meinung entschließen, ich verstehe die Skepsis der Bürger, (den sich mit der NPD verbündenden Bürgermeister allerdings nicht), aber mir tut andererseits der todkranke Mann leid, der in den letzten Monaten seines Lebens nichts von der viel versprochenen Chance auf Neuanfang des Grundgesetzes spürt. 
Aber etwas bringt mich zum Nachdenken. Als ich noch in Sachsen-Anhalt gewohnt habe, hatten meine Eltern einen Gärtner, der sich ein paar Mal im Jahr um den Garten des Hauses gekümmert hat. Er hat mir erklärt, wie die Blumen heißen, die vor meinem Fenster wachsen, wie man aus Johannisbeeren Marmelade macht und meinem Kater nie übel genommen, sich mitten in die frisch gepflanzten Blumenbeete gelegt zu haben. Als wir weggezogen sind, hat er uns noch zwei Mal im neuen Haus besucht und einen kleinen Baum mitgebracht, der im Garten vor sich hinwächst. Letztes Jahr ist er gestorben, die Todesursache ist ungeklärt, er wurde tot in seinem Schrebergarten aufgefunden. Als ich meine Eltern fragte, wer er eigentlich war, als Mensch, ist mein Bild des freundlichen, etwas verschlossenen Mannes, den ich in äußerst positiver Erinnerung habe ein anderes. Er hatte wegen Mordes im Gefängnis gesessen, seine Zukunftsprognose war negativ.
 Mein Bild war ein anderes, aber kein schlechteres. Menschen sind nie gut oder böse, es ist irgendwas dazwischen, und man weiß nie genau woher welcher Teil kommt, und wohin er verschwindet.


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